3. Dezember 2017

Schwarz sehen (4)

BRD noir – drei Filme aus der frühen Bundesrepublik

Das bundesdeutsche Nachkriegskino kannte keinen Film noir im Hollywoodschen Sinne, gleichwohl gab es Bezüge, Verwandtschaften, Einflüsse. Remigranten wie Peter Lorre (»Der Verlorene«, 1951), Robert Siodmak (»Nachts, wenn der Teufel kam«, 1957) oder Fritz Lang (»Die 1000 Augen des Dr. Mabuse«, 1960) nahmen Bezug auf im Exil geschaffene Werke (die wiederum an ihre in der alten Heimat entstandenen Arbeiten anknüpften), Daheimgebliebene wie Helmut Käutner (»Epilog«, 1950), Rudolf Jugert (»Nachts auf den Straßen«, 1952) oder Alfred Weidenmann (»Alibi«, 1955) verwiesen auf amerikanische Vorbilder. Das bundesdeutsche Noir-Kino (falls es etwas Derartiges je gegeben haben sollte) kam indes ohne Gangster, Detektive und fatale Frauen aus – bemerkenswert ist vielmehr seine Nähe zum Problemfilm, dem neben dem Heimatfilm vielleicht charakteristischsten Genre der 1950er Jahre.


1954 | »Angst« von Roberto Rossellini

»Ich kann so nicht mehr weiter.«

Ingrid Bergman spielt Irene Wagner: Direktorin eines Pharmaunternehmens, das sie geschickt durch Krieg und Nachkrieg führte, Gattin des gesetzten Chemikers Albert (ungerührt: Mathias Wieman), Mutter zweier Kinder, Geliebte eines blonden Komponisten (aalglatt: Kurt Kreuger) … Rossellini beginnt seine Adaption der Novelle von Stefan Zweig mit der langen Fahrt eines Mercedes-Cabriolets durch das abendliche München: Marienplatz und Kaufingerstraße, Asphalt und Neonschriften, Menschenmengen und Straßenbahnen – die Geschäftigkeit des Wirtschaftswunders wird von der thrilleresk erregten Musik unheilvoll aufgeladen. Es folgen ein Zank zwischen Irene und ihrem vorwurfsvollen Liebhaber und kurz darauf, vor dem stattlichen Anwesen der Fabrikantin, der unvermittelte Auftritt einer jungen Frau (offensiv: Renate Mannhardt), die Irene beschuldigt, ihr den Freund abspenstig gemacht zu haben, und sie, unter der Androhung, die Affäre auffliegen zu lassen, im weiteren Verlauf der Erzählung um immer größere Summen erpreßt. Rossellini beobachtet die scheinbar unausweichlich fortschreitende Verstrickung seiner Protagonistin (und Noch-Ehefrau) in ein Gespinst aus Schuld und Lüge, ihre zunehmende Nervosität, ihre sich zur Panik steigernde Angst, ihre suizidale Verzweiflung mit derselben stoischen Nüchternheit, die Albert (der stets »an den Grund der Dinge gehen« will), den mit allerlei giftigen Substanzen behandelten Versuchstieren im Laboratorium angedeihen läßt. Ein Film wie ein riskantes wissenschaftliches Experiment – akademisch-kühl und spannungsreich-provokant zugleich.

1954 | »Die goldene Pest« von John Brahm

»Hier scheint noch Krieg zu sein.«

Ein Dorf in »stampfender, rollender Zeit«: Dossental (realiter: Baumholder bei Kaiserslautern) erlebt infolge des Ausbaus einer US-Army-Garnison Modernisierung, Kapitalisierung, Amerikanisierung im Schweinsgalopp. Die Felder der Umgebung werden zum Truppenübungsplatz, Wohnblocks für die Besatzungssoldaten schießen wie Pilze aus dem Boden, erlebnishungrige GIs bevölkern die Gemeinde, windige Geschäftemacher versprechen der besorgt-begierigen Bevölkerung allgemeinen Aufschwung und hohen Gewinn. Eine alte Dame (»Wir arbeiten hier alle wie narrisch«) verwandelt ihr Kolonialwarengeschäft in eine Souvenirbude, in Bauernhäusern etablieren sich Stundenhotels, alkoholische Mixgetränke und Coca Cola fließen in Strömen, ein mysteriöser Unternehmer mit Pelzkragen, Menjoubärtchen und Sonnenbrille (»Nennen Sie mich nicht Chef.« – »Jawohl, Herr Direktor.«) läßt mitten im Ort ein Zelt aufstellen, wo allabendlich Travestie, Schlammcatchen und »Dschäß« (»Suddenly, I feel so happy.«) auf dem Programm stehen. Die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen werden mit den Augen eines Heimkehrers (unbestechlich: Ivan Desny) gesehen, der die Heimat nicht wiedererkennt: Korruption und Nepp sind die neuen Herren, der vormals beste Freund (fiebrig: Karlheinz Böhm) ist in Schiebereien und Drogenhandel verwickelt, nur die große Liebe von damals (lammfromm: Gertrud Kückelmann) erinnert noch an gute alten Zeiten. Regisseur John Brahm – aus Deutschland gebürtig, im Hollywooder Exil zum Spezialisten des Gothic Noir gereift – macht nicht begehrliche Nutznießer oder willige Mitläufer sondern anonyme Mächte für die Wohlstandsverwahrlosung verantwortlich. Schon der Titel des Films apostrophiert den Boom als eingeschleppte Krankheit (die mit einem reinigenden Feuer auszumerzen sei) – so bleibt die Analyse der Verhältnisse, bei aller Unterhaltsamkeit der Erzählung, entsprechend oberflächlich.

1957 | »Der gläserne Turm« von Harald Braun

»Merkwürdig, diese Mischung von Erfolg und Untergang.«

Sie bilden ein explosives (oder eher implosives) Dreieck: der herrische Unternehmer Robert Fleming (O. E. Hasse), ein Mann, der hält, was er hat, seine hochsensible Gattin Katja (Lilli Palmer), eine Theaterschauspielerin, die dem Rampenlicht (nicht ganz freiwillig) den Rücken kehrte, der forsche Dramatiker John Lawrence (Peter van Eyck), der die labil-begnadete Aktrice aus dem komfortablen Ruhestand (≈ einem goldenen Käfig im obersten Stockwerk des höchsten Hauses von Berlin) zurück auf die Bühne (≈ in die Freiheit) locken will. Was wie ein fashionables Melodram beginnt, wandelt sich peu à peu zur dunklen Sittenbild mit abschließendem Gerichtsverfahren – zur Verhandlung bringen Harald Braun und seine Autoren (darunter Wolfgang Koeppen, einer der bedeutendsten bundesdeutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit) neben einem vermeintlichen Giftmordfall auch die Überholtheit gesellschaftlich zugeschriebener Geschlechterrollen, die Geistlosigkeit eines selbstbesoffenen Aufsteigertums, die (vage) Chance auf Emanzipation. Hauptschauplatz des Stückes um Macht und Schwäche, um Kunst und Konjunktur (aber auch um Liebe und Hoffnung) ist eine luxuriös ausstaffierte Dachetage, ein Exzeß aus Glas und Stuck, Marmor und Fell, Kunststoff und Velours, ein (von Walter Haag entworfener) faszinierender Alptraum des Gelsenkirchener Eklektizismus, wo die Spiegelung eines lodernden Kaminfeuers als eifersüchtig brennendes Herz erscheint. Wird die beschädigte Heldin imstande sein, dieses überspannt-menschenfeindliche Ambiente, halb Treibhaus, halb Kühlhalle, hinter sich zu lassen? »Wo soll sie hin: vorwärts oder zurück?« – die über allem schwebende, alles grundierende Frage findet schließlich eine recht mutlose Antwort: Katja Fleming nimmt einmal mehr den ihr zugewiesenen Platz ein.

Kommentare:

  1. Lustigerweise bekam ich heute Werbung von Amazon für eine brandneue Blu-ray von Käutners SCHWARZER KIES, der ja ein ähnliches Thema verfolgt wie DIE GOLDENE PEST. (Außerdem bekam ich noch eine Mail, angeblich vom Amazon-Sicherheitsdienst, aber mit einer Domain aus der Zentralafrikanischen Republik...)

    Wie ich sehe, spielt ein früher Klaus Kinski in ANGST mit. Fällt der da irgendwie auf?

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    1. »Schwarzezr Kies«, lohnt, wie fast alle Käutner-Filme, durchaus einen Blick. Ich habe ihn letztes Jahr im Kino gesehen und finde ihn deutlich besser als »Die goldene Pest«. John Brahm konnte leider nicht so recht an die Klasse seine Hollywood-Noirs anknüpfen ...

      Klaus Kinski spielt eine kleine Nebenrolle: Er rezitiert Villon, und zwar in einer Kabarettbar (»Die Kleinen Fische«), wo sich Ingrid Bergman mit ihrer Erpresserin trifft. Auch wenn er nur unscharf im Hintergrund agiert, fällt Kinski durch seine Stimme sofort auf.

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