5. Juli 2017

Standbild (16)

Abfall 

Außen. Müllhalde. Tag. Die Deponie erinnert an eine hügelige Winterlandschaft. Zwei zerklüftete, leicht verschneite Erhebungen aus Holzresten und Plastik, Schrott und Schutt umgeben eine Art flaches Tal. Auf der linken Anhöhe steht ein hölzerner Bauwagen, dessen quadratisches Fenster mit einer grauen Platte verschlossen ist. Zu beiden Seiten der unebenen Senke brennen offene Feuer. Der wolkig aufsteigende Qualm verdüstert den milchigen Himmel über der Halde. Die Schwaden umwehen auch einen stämmigen, unrasierten Mann von etwa sechzig Jahren, der sich in der breiten Mulde zwischen den Müllbergen aufhält. Er trägt eine speckige hellgraue Schiebermütze, einen verfilzten karierten Schal, einen staubgrauen Wollmantel, eine weite Hose mit ausgefransten Umschlägen und derbes Schuhwerk. Der Mann stochert mit einer dünnen Eisenstange im Unrat, offenbar in der Absicht, verwertbare Gegenstände aufzuspüren, die er in einem mitgeführten Leiterwagen sammelt. Während die Augen des Mannes auf den Boden gerichtet sind, geht der aufmerksame Blick seines Hundes, einer schwarzweiß gefleckten Dogge, zur Seite. Das Tier betrachtet mit gespitzten Ohren einen scheinbar weiblichen Unterarm, der, teilweise von einem Ärmel aus in Schlaufen gelegten schwarzen Schnüren bedeckt, auf dem hochgewölbten Rand einer grau-beige-rot gestreiften Matratze ruht. Bei dem abgenutzten Schlafpolster handelt es sich laut seitlich aufgenähtem Etikett um ein Fabrikat der Marke »Komtur«. Die spitz gefeilten Nägel der gepflegten feingliedrigen Hand sind rosa lackiert, am kleinen Finger prangt ein Brillantring. Unterhalb der Hand liegen auf schwärzlich schmutziger Erde ein Ohrring, bestehend aus zwei diamantgefaßten Saphiren, sowie eine flache goldene Damenhandtasche in Trapezform mit schuppenartig glitzernder Oberfläche und Clipverschluß, daneben eine hellblaue Dose, die wie eine dunkelblaue Schrift verrät, in Bühl/Baden hergestellt wurde, und eine zerknautschte Tüte aus braunem Packpapier mit dem Aufdruck »Sonnenqualität«. Rechts oberhalb dieser Anordnung von Körperteilen und Gegenständen bilden die grau-beige-rote und eine darübergebogene blaugestreifte Matratze mit der Seitenkante eines verkehrt herum liegenden breiten Sitzmöbels einen Hohlraum, der von Kopf und Brustkorb des zu Hand und Arm gehörenden Leibes ausgefüllt wird. Dichtes, kinnlanges, leicht gewelltes Blondhaar rahmt das junge, vermeintlich weibliche Gesicht. Das Gegenstück des am Boden liegenden Ohrrings befindet sich noch an seinem angestammten Platz, die vollen, blaßgeschminkten Lippen sind leicht geöffnet, die von künstlichen Wimpern gerahmten, weit aufgerissenen dunklen Augen starren ins Nichts, das aus den Nasenlöchern getretene Blut ist eingetrocknet. Ein eng um den Hals geschlungener Nylonstrumpf wurde rechts zu einem festen Knoten geschnürt. Der verrutschte Ausschnitt des schwarzen Oberteils läßt den Ansatz einer prallen Brust erkennen. Nachdem der Lumpensammler die aufgefundenen Wertsachen eingeheimst hat, wird der hinzugekommene Polizeikommissar feststellen, das es sich bei dem Leichnam nicht um eine Frau sondern um einen jungen Mann handelt, genauer gesagt um einen Transvestiten, der, wie der Kriminalbeamte zu berichten weiß, mit dem schönsten Paraffinbusen von Nordeuropa ausgestattet war. Der gewaltsame Tod des Transvestiten wird umfangreiche Ermittlungen in Gang setzen, in deren Verlauf die Verbindungen zwischen Unterwelt und sogenannter guter Gesellschaft der Stadt offengelegt werden.