11. März 2016

Licence to style

Ken Adam 1921 / 2016

Den Oscar für »Barry Lyndon« empfand er als »blanke Ironie«. Die Auszeichnung eines Schöpfers visionärer Studiowelten ausgerechnet für das production design eines akribisch recherchierten Historienfilms, der vollständig on location gedreht wurde, spricht in der Tat für ein gewisses Maß von (sicherlich wohlmeinendem) Ignorantentum. Wie kaum ein anderer Filmarchitekt zelebrierte Ken Adam (vor allem in den sieben von ihm designten James-Bond-Filmen) einen ungehemmten, ans Surreale grenzenden Modernismus (den er pikanterweise fast ausschließlich mit dem Bösen konnotierte), wie kaum ein anderer production designer brachte er mit seinen im Atelier gebauten Fantasien die Wirklichkeit auf den Punkt: Der riesige runde Pokertisch vor den blinkenden Weltkarten im War Room von »Dr. Strangelove« wurde nicht nur zum visuellen Inbegriff des Kalten Krieges sondern zum Sinnbild für die Absurdität von Globalpolitik überhaupt ... Doch anstatt weiter die üblichen Verdächtigen aus Ken Adams umfangreicher Filmographie zu rühmen, sei hier an einige weniger bekannte, aber nicht weniger hervorragende Arbeiten des in Berlin geborenen Briten erinnert:

1966 | »Funeral in Berlin« … Spy next door statt glamour agent: Für Guy Hamilton und seinen lakonischen Anti-Bond Harry Palmer setzt Adam die Hauptstadt der Kalten Krieges als trostlosen Ort zwischen den Welten und zwischen den Zeiten in Szene.

1972 | »Sleuth« … Für Joseph L. Mankiewicz’ fintenreiches Katz-und-Maus-Mörderspiel entwirft Adam ein vollgestopftes englisches Herrenhaus, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist.

1976 | »Salon Kitty« … Adams Bauten für Tinto Brass’ All-singing-all-dancing-Geschichtsgroteske wirken wie eine späte Rache an jenen, die ihn und seine Familie aus Deutschland vertrieben haben: Berlin als Nazi-Puff im Reichskanzleistil.

1981 | »Pennies from Heaven« … Für Herbert Ross’ Great-Depression-Musical (eine brillante Leinwandadaption der gleichnamigen BBC-Serie von Dennis Potter) verbindet Adam MGM-Eskapismus und Edward-Hopper-Tristesse zu einer Szenerie von glanzvoller Düsternis.

1995 erhielt Ken Adam einen zweiten Oscar, wiederum für die Ausstattung eines Historienfilms (Nicholas Hytners gediegener Alan-Bennett-Verfilmung »The Madness of King George«). Die Academy kann ihrem unfaßbaren Ratschluß manchmal gnadenlos sein.

7. März 2016

Playtime in Moskau und Tiflis

Kurzfilme von Michail Kobachidse

Michail Kobachidse (englische Umschrift: Mikheil Kobakhidze), geboren 1939 in der georgischen Hauptstadt Tiflis, studierte von 1959 bis 1965 an der Moskauer Filmhochschule, u. a. bei Sergei Gerassimow und Tamara Makarowa. Zwischen 1961 und 1969 realisierte Kobachidse fünf Kurzfilme, allesamt ohne Dialog, nur mit Musik und Geräuschen unterlegt. Das letzte dieser Werke (»Musikanten«) war ursprünglich (unter dem Titel »Krieg und Frieden«) als Episode seines ersten Langfilmprojektes »Hoppla!« geplant. Doch nachdem die sowjetische Zensur seiner Arbeit Formalismus und die völlige Abwesenheit sozialistischer Ideologie attestiert hatte (bereits sein Film »Achteinhalb« war 1963 aus nämlichen Gründen verboten und vernichtet worden), durfte der Regisseur keine weiteren Filme mehr in seiner Heimat drehen. Kobachidse verlegte sich in der Folgezeit auf das Schreiben von Animationsfilmen und mußte immer wieder Gelegenheitsjobs annehmen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1996 wurde eine Retrospektive seines schmalen Gesamtwerks auf den Filmfestspielen von Venedig gezeigt. Im selben Jahr übersiedelte Kobachidse nach Frankreich, wo 2003 sein sechster und bis heute letzter Kurzfilm »En chemin« entstand.


1961 | »Molodaja ljubow« (»Junge Liebe«)


Kobachidses Debüt, eine filmstudentische Fingerübung. Die jungen Liebenden bewohnen gemeinsam eine winzige Wohnung. Er versteckt sich hinter dem Schrank, sie kommt nach Hause, er spielt ihr harmlose Streiche, läßt Dinge verschwinden und wieder auftauchen, sie zweifelt an ihrem Verstand, bemerkt seine Anwesenheit und revanchiert sich. Ein kleines Ballett des Neckens und Narrens, ein Possenspiel von Liebe und Leichtsinn, eine minimalistische Marivaudage ohne Worte.

1962 | »Karuseli« (»Das Karussell«)


Junge Leute in der Stadt. Kobachidse setzt die Bewegungen eines Jungen und eines Mädchens, ihr Tändeln und Bändeln, ihr Nachstellen und Ausweichen, ihr mäanderndes Vor-, Hinter- und Nebeneinanderlaufen auf den Straßen und im Vergnügungspark gegen den durchorganisierten Gleichtakt der Masse. Expressive Arrangements und poetische Alltagsbeobachtungen, dazu die charmante Spielerei mit Geräuschen: das Vogelgezwitscher des Pärchens, das Löwengebrüll eines Aufschneiders, der bekommt, was er verdient. Ein kurzer Moment der Achtlosigkeit bereitet der scheuen Romanze ein vorzeitiges Ende, und eine melancholischen Totale ver(sinn)bildlicht die Flüchtigkeit des Glücks.

1965 | »Qortsili« (»Die Hochzeit«)


Eine Etüde über Wunsch und Wirklichkeit. Ein junger Mann sieht im Bus eine junge Frau. Er flirtet sie an, sie lächelt zurück, er fühlt sich ermutigt, sie läßt ihn zappeln, ihre Mutter schaut ungehalten auf das heitere Geplänkel. Wiederum kombiniert Kobachidse, ohne Dialoge, Impressionen des gewöhnlichen Lebens mit tatiesker Situationskomik. Der junge Mann imaginiert seine Zukunft mit der jungen Frau, plant die Bezirzung der mürrischen Alten. Doch die Realität kommt der Vision in die Quere, die Utopie wird von den Gegebenheiten besiegt.

1967 | »Qolga« (»Der Regenschirm«)


Eine karstige Berglandschaft, durch die sich eine Bahnstrecke windet, bildet den Schauplatz dieser pantomimischen Beziehungsdramödie über die Nähe von Seligkeit und Wehmut. Der Wärter einer winzigen Blockstelle bezaubert eine Frau mit seinem Flötenspiel. Ein weißer Schirm fliegt herbei, tanzt durch die Luft, nimmt Fühlung auf, umkreist das Paar, entschwebt wieder. Kobachidses Spielanordnung wird abstrakter und symbolischer zugleich: Das Flugobjekt scheint ein Zeichen für den Zauber der Liebe wie auch für ihre Ungewißheit zu sein. Ein anderer Mann tritt auf, fängt den Schirm, hält ihn über die Frau, die es sich gefallen läßt. Egal für wen sie sich entscheiden wird – ein Schatten des Zweifels ist auf die Reinheit des Glücks gefallen.

1969 | »Musikobesi« (»Die Musikanten«)


Zwei Männer in einem weißen Raum. Sie bemerken sich, sie rennen begeistert aufeinander zu, sie tanzen vor Freude, endlich einen anderen gefunden zu haben. Bald schon geraten sie in Streit, sie verfolgen sich, sie fechten, sie bekriegen sich. Kobachidse nähert sich dem Trickfilm: Seine brüderlich-feindlichen Protagonisten wirken wie Figuren in einem animierten Slapstick. Das Musizieren bringt die Männer wieder zusammen, sie rennen begeistert aufeinander zu, sie tanzen in Eintracht, schließlich bewegen sie sich in entgegengesetzten Richtungen aus dem Bild. Eine klinisch-burleske Studie über die (Un-)Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens.