12. Januar 2016

Dead-alive

Kino | »The Revenant« von Alejandro González Iñárritu (2015)

Man meets bear. Man loses son. Man takes revenge … Eine Gruppe von Trappern, irgendwann im frühen 19. Jahrhundert, irgendwo in der nordamerikanischen Wildnis. Glass (Leonardo DiCaprio), von einer aufgebrachten Grizzlymutter (created by ILM) übel zugerichtet, wird von seinem schurkischen Weggenossen Fitzgerald (Tom Hardy), der zuvor noch den halbindianischen Sohn des Schwerstverletzten gemeuchelt hat, halbtot verscharrt und in winterlicher Einsamkeit zurückgelassen. Glass rappelt sich auf, schlägt sich durch ebenso gefahr- wie prachtvolle Landschaften, am Leben gehalten und vorangetrieben allein vom unbändigen Willen, Rache zu nehmen. Die simple Handlung gibt Alejandro González Iñárritu Gelegenheit(en), den malträtierten Protagonisten, in konstant überwältigenden Bildern, durch kathedralenartige Wälder und reißende Schmelzwasser, über schroffe Felsklippen und endlose Schneefelder kriechen, stolpern, schlittern, robben, klettern, driften zu lassen. Allerdings ist nicht DiCaprio der wahre Star dieses überlangen Blut-, Schweiß- und Bärenstücks, sondern Emmanuel Lubezki, A.S.C., A.M.C., der mit monumental-expressiven Man-lost-in-nature-Visionen dem genialen sowjetischen Kameramann Sergei Urussewski (insbesondere dessen Arbeit für Michail Kalatosows grandiose – und erfreulich konzentrierte – Sibiriade »Ein Brief, der nicht abging«) seine Reverenz erweist.

Die ideale Frau

Ruth Leuwerik 1924 / 2016

Fünf Lieblingsrollen:

• als totkranke Erbin Sibylla Zander in Rudolf Jugerts »Ein Herz spielt falsch« (1953)

• als flotte Pariser Nachtclub-Sängerin Nicole (auch ›Kolibri‹ genannt) in Helmut Käutners »Bildnis einer Unbekannten« (1954)

• als ausbrechende Ehefrau Franziska Lukas in Helmut Käutners »Die Rote« (1962)

• als rächende Buchhändlerin Valerie Steinfeld in Alfred Vohrers »Und Jimmy ging zum Regenbogen« (1970)

• als Konsulin Elisabeth ›Bethsy‹ Buddenbrook geb. Kröger in Franz-Peter Wirths »Die Buddenbrooks« (1979)

11. Januar 2016

Eine fremde, seltsame Welt

Über Marie-Luise Scherer. (Kein Film.)

Im Mai 1987, ich war 22 Jahre alt, trat Marie-Luise Scherer in mein Leben. Sie stand damals kurz vor ihrem 50. Geburtstag, hätte also meine Mutter sein können. Nein, es war nicht der Anfang einer, altersmäßig asymmetrischen, fleischlichen Beziehung. Genau genommen begann damals überhaupt keine Beziehung, jedenfalls keine Beziehung auf Gegenseitigkeit, da ich Marie-Luise persönlich nie kennengelernt habe, obwohl sie einmal in der Wohnung einer Bekannten ein Zimmer angemietet hatte, das sie als Berliner Domizil nutzte. Im Mai 1987 erschien im Magazin »Der Spiegel« (Marie-Luise Scherers redaktionelle Heimat von 1974 bis 1998) ihre Reportage »Der unheimliche Ort Berlin«. Handelt es sich überhaupt um eine Reportage? Oder um eine wirklichkeitsgesättigte Erzählung, um eine »wahre Geschichte«? So oder so, es war, wie ich später lernte, Scherers erste Veröffentlichung seit fast drei Jahren, und es war der erste Text, den ich von ihr las. »Der unheimliche Ort Berlin« beginnt folgendermaßen: »Das Kottbusser Tor ist kein Ort, an dem die Leute in Übergangsmänteln herumlaufen, wenn der Winter vorbei ist.« Scherer, die eine Meistererzählerin ist, ist auch eine Meisterin des ersten Satzes: »Samstag früh, kurz nach sieben Uhr, wurde das Mündel Elfriede D. im Waschcenter an der Reeperbahn auffällig.« Oder: »Mademoiselle Iona Seigaresco hatte es eilig, eine alte Frau zu werden. « Oder: »Manchmal denkt Udo auch an ein plötzliches Ende seiner Bedeutung.« Oder: »Herr Wellstein war schon soweit, daß er auf Parkbänken über sein Pech mit Alpenveilchen redete.« Wer nach solchen ersten Sätzen nicht wichtige Korrespondenz oder ungebügelte Hemden liegen läßt, wer nicht Abwasch oder Liebeskummer vergißt, um ungesäumt weiterzulesen, der ist, behaupte ich, für das Lesen verloren. »Das bißchen Sonne im April legte gleich die Oberarmtätowierungen der Punker frei«, lautet der zweite Satz, der den Leser in den unheimlichen Ort Berlin hinüberlockt. Scherers Ausdrucksstil ist der Diktion des Erzählers in Lars von Triers »Europa« verwandt, der den hilflos-willigen Zuschauer hypnotisierend in eine unbekannt-vertraute Welt versetzt: »On the count of ten, you will be in Europa. I say: ten.« Scherer sagt: zehn, und du bist in Berlin-Kreuzberg, in der Waldemarstraße 33, 3. Hinterhof, 3. Stock, in der sogenannten »Lederetage«, wo sich im Sommer 1979 das Schicksal der 17jährigen Ingrid Rogge aus dem schwäbischen Saulgau verliert, deren skelettierter Leichnam, in eine Plastikfolie gewickelt, sechs Jahre später auf dem Kriechboden ebendesselben Hauses durch Zufall gefunden wird. Oder du bist im Appartement des greisen Surrealisten Philippe Soupault, der seine illustren Erinnerungen mit dir teilt, oder du bist in der Charlottenburger Hinterhofwohnung des Rentners Machnow (75), der seinen Hund Lehmann (11) liebt und nicht überleben will, oder du bist in den weniger leuchtenden Vierteln von Paris, unter alten Fräuleins, die, ihrer dürftigen Ersparnisse wegen, von einem faszinierenden karibischen Großtuer gemeuchelt werden. Scherers kaleidoskopisches Kreuzberg-Panorama – der mysteriöse Tod der Ingrid Rogge war ihr in erster Linie Anlaß, das Bild höchst widersprüchlicher Lebenswirklichkeiten auf engsten Raum zu zeichnen – machte mich umgehend süchtig nach mehr. Gott sei Dank erschienen 1988 bei Rowohlt »Ungeheuer Alltag«, eine Sammlung von Scherers »Geschichten und Reportagen«, und »Kleine Schreie des Wiedersehens«, ein launiges Divertimento über die Prêt-à-porter-Schauen in der Cour carrée des Louvre: »Es war die Rede davon, daß alle immer in Schwarz kämen.« Erst gut zwei Jahre später, um die Jahreswende 1990/1991, brachte »Der Spiegel« in zwei Teilen, quasi als morbides Weihnachtsgeschenk an seine Leser, Scherers nächstes Meisterstück: »Die Bestie von Paris« über den schwulen Serienmörder Thierry Paulin und seine 21 betagten weiblichen Opfer. Scherer erzählt keinen Krimi, keinen Thriller, kein Psychodrama, sie entbreitet ein poetisch-realistisches Schauerstück über die Einsamkeit – die bleifarbene des Alters und die glitzernde des Nachtbetriebs –, über zwei scheinbar entgegengesetzte Randwelten, in deren schmaler Schnittmenge sich grausame Verbrechen ereignen: »Neben ihr steht eine Streudose mit Destop, einem Abflußreiniger. Aus ihrem Mund tritt der Schaum der sich auflösenden Kristalle. Alice Benaïm wurde ein Tod durch Verätzung zuteil.« Es sind Scherers zärtliche Ungerührtheit, ihre selbstverständliche Intimität mit den schrecklichsten Äußerlichkeiten, die aus einer gelegentlich preziösen Wortwahl resultierende Verfremdung, die einen unwiderstehlichen Sog entwickeln und, bei aller Distanziertheit, eine überwältigende Nähe erzeugen. Es muß damals, Anfang der 1990er Jahre, gewesen sein, als ich erstmals von Scherers legendärer Langsamkeit hörte, von ihren obsessiven Recherchen, von ihrem unbezwingbaren Interesse an allem, was ihr Thema auch nur im Entferntesten streifen könnte, von ihrer fast verzweifelt anmutenden Suche nach dem richtigen Klang, nach dem passenden Wort. Zwei gelungene Sätze am Tag, so soll sie gesagt haben, seien ein Geschenk. Acht Stunden lang habe sie über ein Adjektiv nachgesonnen, das den Geruch von Mottenkugeln treffend beschreibt: »grämlich«. Da kommt mir Stanley Kubrick in den Sinn, der im Laufe seines Arbeitslebens auch immer penibler wurde, der sich immer tiefer in Details vergrub, aus denen sich immer häufiger kein Ganzes mehr fügen wollte, bis die Pausen zwischen den Werken immer länger und das gespannte Warten auf den kommenden großen Wurf für das Publikum zum eigentlichen Ereignis wurden. Drei Jahre brauchte es bis zur Fertigstellung der »Hundegrenze«, Scherers erster und einziger »Spiegel«-Titelstory, in der die real-existierende Absurdität der deutschen Teilung aus der Perspektive der DDR-Trassenhunde sowie ihrer Züchter und Führer betrachtet wird: »Unter allen akustischen Besonderheiten, die die Grenze bereithielt, fand Tews nur eine wirklich behelligend: die von Anschlag zu Anschlag jagenden Eisenrollen, an denen die Laufleinen hingen. Das pfiff und riß an den Nerven. Und die Hunde, die es bewirkten, machte es verrückt.« Weitere zehn Jahre sind verstrichen, Scherer hatte den »Spiegel« mittlerweile verlassen, als 2004 im 230. Band der »Anderen Bibliothek« neben einer repräsentativen Auswahl ihres Werks »Der Akkordeonspieler« erschien, die längste und bis heute letzte Geschichte der Autorin: »Vladimir Alexandrowitsch Kolenko aus der kaukasischen Stadt Essentuki im Stawropoler Gebiet war geblendet von der Sauberkeit des Berliner Flughafens und seiner Toiletten.« Wieder eine prächtige Eröffnung, doch diesmal verliert sich Scherer, indem sie einem russischen Musiker durch sein deutsches Abenteuer folgt, endgültig in Einzelheiten und auf Seitenpfaden, diesmal spukt nichts mehr hinter dem Vorhang, diesmal wird alles ausgebreitet, jede Beobachtung (anschaulich) wiedergegeben, jedes Erkundungsergebnis (delikat) ausformuliert, 130 Seiten lang: eine Verselbständigung des Stoffs, der sich dem Zuschnitt verweigert. Das könnte alles gewesen sein, gäbe es da nicht die Online-Archive von »Spiegel« und »Zeit« (für die Scherer von 1967 bis 1971 geschrieben hat), aus deren Speichertiefen, so man die richtigen Begriffe ins Suchfenster tippt, eine Vielzahl von lange versunkenen Schätzen aufschwimmt: Reportagen über das Westberlin der späten 1960er, freilich ganz ohne Achtundsechziger, dafür bevölkert von Pudeln und Tunten, von Telefonseelsorgern und Gefängisdirektorinnen, von Straßenhändlern am Kudamm und Bewohnern des ältesten Männerwohnheims der Stadt, Reportagen auch über exklusive Hungerkuren oder das Gesellschaftsleben einer Bundeswehr-Garnison, über ein Sommerfest im Schloß Bellevue oder ein Hamburger Frauenhaus, über Lilli Palmer oder Barbara Valentin. Von Anfang an klingt und schwingt der stimmungsvoll-skrupulöse Scherer-Sound durch die Texte: »Wenn Richard Menzel ein Ofen wäre, dann wäre er ein Allesbrenner: Er schluckt einfach alles.« Oder: »›Solche Häuser sind Schicksalshäuser‹, sagt der Verwalter und klimpert an den Reitern der Insassen-Kartei.« Oder: »Bergmanns Petunien in dem ein Meter langen Blumen­kasten schlugen auf dem Balkon einen Salto, als die dreistrahlige Boeing 727 ihre Düsen dem Haus zukehrte.« Der überscharfe Blick der Autorin, ihre bohrende Aufmerksamkeit für individuelle Schicksale und verwickelte gesellschaftliche Zusammenhänge, erinnert bisweilen an David Lynchs wahrhaftig-surreale Alltagsvision »Blue Velvet«, in der gesagt wird: »Es ist eine fremde, seltsame Welt.« Dieser Satz könnte auch als Motto über Marie-Luise Scherers Werk stehen. PS: »Die Todesumstände der Ingrid Rogge, die über ihr Zahnschema identifiziert wurde, sind bis heute ungeklärt.«

6. Januar 2016

Mopping up

Kino | »Joy« von David O. Russell (2015)

»The ordinary meets the extra-ordinary every single day.« Auf den ersten Blick scheint die Familie, die »Joy« bevölkert, keine der fabelhaften Eigenschaften des »Miracle Mop« zu besitzen, dessen Erfindung, Entwicklung und Vermarktung die Handlung des Films antreibt: Die Manganos schmoren in einem Fegefeuer der Dysfunktion, das insbesondere die Titelheldin (Jennifer Lawrence) zu einem Leben jenseits ihrer Möglichkeiten verurteilt. Andererseits ist die (gleichermaßen zugeneigt und gnadenlos) vorgeführte Sippschaft (Rudy, Tony, Mimi, Terry, Peggy, Jackie, Trudy und die anderen) so selbstauswringend, so waschfest, so unverwüstlich wie das von Joy (»I’ve real ambitions and real ideas.«) ingeniös erdachte Putzgerät. David O. Russell erzählt vom strapaziösen Aufstieg einer zum Erfolg entschlossenen self-made woman, vor allem aber von einem schier endlosen, komplex geflochtenen, dauerhaften Band, das jeden Dreck (mitunter auch den selbstproduzierten) aufsaugt und wundersamerweise ins Positive (oder zumindest ins Erträgliche) transformiert. Gesegnet mit einem sicherem Gefühl für Atmosphäre, Rhythmus und Milieuzeichnung, gibt Russell dem fantastischen Ensemble – neben der alles zusammenhaltenden Lawrence: Diane Ladd als engelhafte Großmutter, Robert De Niro als nervensägender Vater, Virginia Madsen als seifenopernsüchtige Mutter, Elisabeth Rohm als mißgünstige Halbschwester, Édgar Ramírez als treugesinnter Exmann, Isabella Rossellini als dämonische Investorin, Bradley Cooper als ekstatischer TV-Apostel – den notwendigen Raum, diese erstaunliche Mischung aus sentimentaler Groteske und dramatischem Märchen, diese furiosen Begegnung von Capra und (wie Christoph Hochhäusler überzeugend feststellte:) Cassavetes, zum Flirren, Beben, Leuchten zu bringen. »Joy«: ein wahr- und wahnhaft(ig)es »home movie« über Träume und Geschäft, über Altruismus und Eigensinn – und: a comedy about quality, value and convenience.