4. Juni 2015

Menschen, Spieler, Testamente

Kino | »Von Caligari zu Hitler« von Rüdiger Suchsland (2015)

»Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?« Ausgehend von Siegfried Kracauers gleichnamiger Psychohistorie des Films der Weimarer Republik, läßt der Filmkritiker Rüdiger Suchsland in seiner Dokumentation »Von Caligari zu Hitler« wichtige Werke der siebten Kunst aus den bewegten Jahren zwischen Novemberrevolution und Machteroberung durch die Nationalsozialisten Revue passieren. »Dieses Buch«, begann Kracauer seine 1947 erschienene Studie, »befaßt sich mit deutschen Filmen nicht bloß um ihrer selbst willen. Sein Ziel ist vielmehr, unsere Kenntnis über das Deutschland vor Hitler auf eine besondere Art zu vertiefen.« Eine genaue Analyse böte die Möglichkeit, Dispositionen aufzudecken, die den Lauf der Ereignisse zu jener Zeit beeinflußten. Ganz in diesem Sinne betrachtet auch Suchsland Film(e) als Ausdruck eines kollektiven Unbewußten, spürt in Bildern (und Tönen) den Erfahrungen und Stimmungen der Ära sowie den Ahnungen eines kommenden Verhängnisses nach. Neben den üblichen Verdächtigen (Lang, Murnau, Pabst, Ruttmann et al.) präsentiert er dazu faszinierende Passagen aus weitgehend vergessenen Filmen wie »Nerven« von Robert Reinert, »Fräulein Else« von Paul Czinner, »Lohnbuchhalter Kremke« von Marie Harder oder »Ins Blaue hinein«, der einzigen Regiearbeit des Kameramannes Eugen Schüfftan. Die Widersprüche der Epoche – politische Wirrnis und wirtschaftliche Katastrophen einerseits, »Jugend, Freiheit, Ironie, Neugier« der Moderne andererseits – sowie die beeindruckende Vielfalt des »deutschen Kinos im Zeitalter der Massen« – vom Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit, vom proletarischen Realismus bis zum musikalischen Eskapismus des frühen Tonfilms – werden in zahlreichen, teilweise allzu kurzen, Ausschnitten dargestellt. Leider textet Suchsland seine Montagen fast vollständig zu; kaum je dürfen die ausgewählten Bilder (und Töne) für sich sprechen, fast immer fungieren sie als Illustration des Kommentars respektive der mehr (Thomas Elsaesser) oder weniger (Volker Schlöndorff) ergiebigen Äußerungen der Interviewpartner.

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