22. September 2014

To make the world a better place

Kino | »A Most Wanted Man« von Anton Corbijn (2014)

Nur am Rande erzählt die Adaption des John-le-Carré-Romans von islamistischem Terror und zweifelhafter Philanthropie, von skrupulösen Blutgeld-Bankiers und treuherzigen Menschenrechtlerinnen – es ist letztlich und vor allem das gute alte Double-Triple-Quadruple-Crossing rivalisierender Geheimdienste (und ihrer widerstreitenden Interessen), das Anton Corbijn in ausgewaschenen Farben recht stilvoll inszeniert (auch wenn Herbert Grönemeyers etwas zu aufdringlich pumpernder Score gelegentlich die an Meistern wie Pakula, Pollack oder Zinnemann geschulte Lakonik konterkariert). Hamburg, mit seinen diskreten Backsteinpalästen und abgerockten Rotlichtkaschemmen, liefert die ansprechende Kulisse für das wohlbekannte Spiel, in dem sich vermeintliche Partner als erbarmungslose Kontrahenten erweisen; der Hafen, einst Symbol der Weltoffenheit, erscheint dabei wie ein Umschlagplatz von quälender Ungewißheit und tödlicher Bedrohung. Und Philip Seymour Hoffman, als Chef einer jenseits von Recht und Gesetz operierenden bundesdeutschen Spezialeinheit, fett und teigig, mit Augen, die in Alkohol und Trübsal schwimmen, wirkt wie ein an den schmutzigen Strand des westlichen Sicherheitsdenkens gespülter Wal: lautstark schnaufend, verzweifelt kämpfend, ohne jede Chance unter der längst zerfetzten Fahne der Freiheit.

15. September 2014

Capitale de la douleur

Kino | »Maps to the Stars« von David Cronenberg (2014)

Was auf einer Sternenkarte aussieht, als läge es in dichter Nachbarschaft, ist realiter unvorstellbar weit voneinander entfernt; doch trotz der riesigen Distanzen steht jedes einzelne Objekt in Beziehung zu den anderen. David Cronenberg und Drehbuchautor Bruce Wagner nehmen diese himmlischen Konstellationen als Metapher für zwischenmenschliche Verhältnisse. Los Angeles, die Stadt der Engel, der Olymp der irdischen Götter wird zum haunted place, zur glänzend-monströsen Kulisse für eine weltraumkalte Betrachtung der conditio (in-)humana. Wie in einer antiken Tragödie, wie in einer Wagneroper (oder wie in einem Hollywoodschinken) ist alles in diesem Film bigger than life: der Zynismus und die Falschheit, die Verzweiflung und die Einsamkeit, das Unglück und das Begehren; sämtliche Personen des Dramas (allein die fantastischen Namen – Havana Segrand, Jerome Fontana, Azita Wachtel – weisen die Figuren als exotische Studienobjekte aus) sind in Rollen und Posen erstarrt, wofür sie ausnahmslos dankbar sein dürfen, denn ohne diese Stützkorsetts löste sich ihrer aller Existenz wohl auf wie ein Stäubchen im Feuer. Natürlich verteilt Cronenberg den einen oder anderen Seitenhieb auf die skurrilen Degenerationen des show business und seiner Betreiber, vor allem aber zieht er, mit galliger Ironie, Parallelen zwischen dem manischen Wiederholungszwang der Filmindustrie (Sequels und Remakes) und der Endlosschleife des menschlichen (besser gesagt: menschengemachten) Jammers: eine Tochter (Julianne Moore), die sich um jeden Preis in die verhaßte Mutter verwandeln will, Geschwister (Mia Wasikowska und Evan Bird), die wie ferngesteuert den Inzest der Eltern nachvollziehen – erst im Untergang scheinen diese Verfluchten so etwas wie Freiheit zu finden. (»Sur les marches de la mort / J’écris ton nom.«) »Maps to the Stars« erzählt mit einer Art ungerührtem Mitleid von Schlafwandlern der (Alp-)Traumfabrik, von Toten zu Lebzeiten; der Film gleicht einem schauerromantischen Märchen voller böser Geister, (Feuer-)Teufel und Widergänger, einem surrealen Nachtstück in hellem kalifornischen Sonnenlicht. PS: Wenn schon ein Vergleich mit Billy Wilder sein muß, dann nicht mit »Sunset Blvd.« sondern mit »Fedora«, Wilders melancholischem Spätwerk, das wie Cronenbergs schrecklich-schönes Meisterstück von erzwungener Verdoppelung, von fataler Gefangenschaft, von der Sehnsucht nach Erlösung handelt.

14. September 2014

In next to no time

Drei Filme von Henry Cornelius

Als Sohn deutsch-jüdischer Eltern 1913 in Südafrika geboren, Schüler von Max Reinhardt in Berlin, über Paris nach England emigriert, Mitarbeiter von René Clair und Alexander Korda, Cutter (»Four Feathers«, 1939), Drehbuchautor (»It Always Rains on Sunday«, 1947) und Produzent (»Hue and Cry«, 1947), debütiert Henry Cornelius 1949 als Regisseur: »Passport to Pimlico«, gedreht für Michael Balcons Ealing Studios, gilt als Komödienklassiker des britischen Nachkriegskinos. Cornelius kann nur fünf Filme inszenieren. Er stirbt, noch keine 45 Jahre alt, 1958 in London. 


1949 | »Passport to Pimlico« (»Blockade in London«)

»We’ll show’em! … Only what?« Im heißen Sommer des Jahres 1947 detoniert im Londoner Stadtteil Pimlico ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Explosion erschließt den Zugang zu einer unterirdischen Schatzkammer. Dort findet sich ein jahrhundertealtes Dokument, das die Gegend von Miramont Place zum exterritorialen Gebiet und Besitz des einst aus seiner Heimat vertriebenen letzten Herzogs von Burgund erklärt. Unter dem Motto »This is Burgundy!« pfeifen die Bewohner der Viertels fürderhin auf gesetzliche Rationierungen von Lebensmitteln und Seidenblusen sowie auf die abendliche Sperrstunde im Pub. Dem örtlichen Bobby fällt es wie Schuppen von den Augen: »Blimey! I’m a foreigner!« Henry Cornelius und Autor T. E. B. Clarke schildern in ihrer liebenswürdig-spleenigen Zwergstaatskomödie den zähen Kleinkrieg zwischen den verknöcherten britischen Amtsträgern in Whitehall und den stolzen Abtrünnigen, über die zunächst eine Flut windiger Geschäftemacher hereinbricht, bevor sie seitens der britischen Ordnungsmacht mit einer strikten Blockade belegt werden. Angeführt vom burgundischen Prätendenten, dessen Anrechte von einer schrulligen Historikerin (Margaret Rutherford) bestätigt wurden, sowie von einem zum Premierminister avancierten Gemischtwarenhändler (Stanley Holloway) widerstehen die gewitzten Eingeschlossenen der Belagerung: »Plucky little Burgundy!« Parallelen zur zeitgleich stattfindenden Abriegelung Westberlins durch die Sowjets drängen sich auf, und tatsächlich werden auch die tapferen Bürger von Burgund-Pimlico schon bald durch eine Luftbrücke versorgt … Ein ironisch-paradoxes Hohelied auf Souveränität und Widerstandsgeist, auf eine Gemeinschaft, deren höchstes Gut der brüderliche Eigensinn ist: »It’s just because we are English, that we’re sticking out for our right to be Burgundians.«

1953 | »Genevieve« (»Die feurige Isabella«)

»I don’t know what it is about these silly old cars. The moment people get into them, they start behaving like idiots.« Alle Jahre wieder findet der Veteran Car Run des königlich Automobilclubs statt: von London nach Brighton und zurück. Und wie immer nehmen zwei alte Freunde (und Konkurrenten) mit ihren betagten Fahrzeugen (beide Jahrgang 1904) und jungen Frauen an der Traditionsrallye teil: Alan McKim (John Gregson) mit seinem Darracq (genannt ›Genevieve‹) und Ehefrau Wendy (Dinah Sheridan) sowie Ambrose Claverhouse (Kenneth More) mit seinem Spyker und Freundin Rosalind (Kay Kendall) … Ein Wochenende im Herbst: frische Luft und Abgasgestank, Sonne und Regen, Kameradschaft und Rivalität, Zärtlichkeit und Niedertracht, Streit und Versöhnung. »Genevieve« nimmt das Rennen – das eigentlich keine Wettfahrt ist, aber, aufgrund einer Wette, in eine solche ausartet – zum Anlaß, den verschiedenen Charakteren (wozu auch die beteiligten Oldtimer zählen) freien Lauf zu lassen, ihre Beziehungen zu erkunden, ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Henry Cornelius entwickelt die erzbritische Exzentrik dieser von einem Amerikaner (William Rose) geschriebenen Komödie mit französischer Ungezwungenheit – spielerisch bewegt sich das Roadmovie von einer vergnüglichen Situation zur nächsten; und Larry Adlers Mundharmonikaklänge verbinden virtuos die fein abgestuften Stimmlagen dieser überaus charmanten (in bilderbogenbuntem Technicolor fotografierten) romantischen Farce: Nostalgie und Naturalismus, Klamauk und Ironie, schrille Übertreibungen und lyrische Zwischentöne.

1955 | »I Am a Camera«

»I saw him in a café in Berlin, / The kind of place where love affairs begin.« Basierend auf John Van Drutens Theaterstück, das Teile aus Christopher Isherwoods autobiographisch inspiriertem Roman »Goodbye to Berlin« verarbeitet, beschreibt »I Am a Camera« – der Titel zitiert den ersten Satz des Buches – die innig-spannungsvolle Freundschaft zwischen dem zurückhaltend-selbstzweiflerischen Schriftsteller Chris (»Well, I’m sort of working on a general idea.«) und der naiv-übermütigen Bohemienne Sally Bowles (»I was a future film star but in present I’m singing in a night club, at least I was.«) im grauen Berlin des Jahres 1931 (»when the banks close down and the knackwurst is one mark and fifty«). Wirtschaftlicher Niedergang und Aufstieg der Nazis bilden den unscharfen historischen Hintergrund für eine mehr oder weniger turbulente Beziehungsdramödie, die alleine vom furiosen Spiel der Hauptdarstellerin Julie Harris über atmosphärische Unstimmigkeiten und inszenatorische Schwächen getragen wird. Laurence Harveys pralle Haartolle paßt eher zu einem angry young man der Nachkriegsjahre als zum schüchternen (zudem sexuell desorientierten) Intellektuellen Chris, während Henry Cornelius (der Anfang der 1930er selbst in Berlin lebte) erstaunlich wenig geistiges und visuelles Gespür für die Melange aus tiefer Erschütterung und hysterischer Vergnügungssucht zeigt, die das gesellschaftliche Klima der Zeit bestimmte (und die Bob Fosse in »Cabaret«, der Musical-Fassung des Stoffes, so brillant einfangen wird). Auch die gelungenen Momente, etwa eine phantastisch überkandidelte Party-Szene, stimmen weniger froh denn melancholisch, verweisen sie doch vor allem auf die verschenkten Möglichkeiten dieses durchaus ambitionierten Films. »I can’t forget him, I never met him, / I only saw him in a café in Berlin.«

6. September 2014

Er wollte geliebt werden

Wiedergesehen auf VHS | »Wehner – die unerzählte Geschichte« von Heinrich Breloer (1993)

Herbert Wehner, Jahrgang 1906, Schuhmachersohn aus Dresden, in seiner Jugend erst Anarchist (»mit dem schwarzen Punkt im Herzen«), dann Parteikommunist, Protegé von Ernst Thälmann, Moskau-Emigrant, schuldiger Überlebender der großen Säuberungen, vom blutroten Glauben abgefallen, nach dem Krieg Sozialdemokrat, führend beteiligt am Umbau der SPD von der Arbeiter- zur Volkspartei, langjähriger Fraktionsvorsitzender im Bundestag, donnernde Krawalltüte und urteilssichere Mimose, geschickter Kanzlermacher und eisiger Kanzlerentmachter, Diener und Herrscher, Realist und – ja, auch: Träumer. Heinrich Breloer porträtiert die hochgradig faszinierende, extrem zwiespältige politische Jahrhundertfigur Wehner in einem zweiteiligen Film: »Die Nacht von Münster­eifel« leuchtet tief in den Betrieb einer parlamentarischen (und medialen) Demokratie, erzählt von Haßliebe (»Ich lasse mich für dich zerhacken!«) und Abrechnung (»Der Herr badet gerne lau.«) des radikal-cholerischen Taktikers Wehner (Heinz Baumann) zum und mit dem be­wundert-verachteten Strahlemann Willy Brandt; »Hotel Lux« blendet zurück in die prägende Frühgeschichte der Biographie, zeichnet den Weg des jungen Wehner (Ulrich Tukur) vom hitzköpfigen Verfechter der Herrschaftslosigkeit durch die knallharte Schule des Stalinismus in die Abgründe von Terror und Verrat bis zur – nicht wirklich seligmachenden – Abkehr bei letzter Gelegenheit. (»Wer einmal Kommunist war, den verfolgt Ihre gesittete Gesellschaft bis zum Lebensende!« ruft der sichtlich erbitterte Wehner 1975 den johlenden Christdemokraten im Bundestag zu.) Die beiden erzählerisch scheinbar unverbunden neben­einander stehenden und doch raffiniert miteinander verknüpften Teile dieser beispielhaften Geschichtsstunde(n) fügen sich zu dem vielschichtigen Bildnis einer der einflußreichsten und zugleich rätselhaftesten Persönlichkeiten der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Die typische Breloersche Mischung von Interviews (u. a. mit Rut Brandt, Wiebke Bruhns, Klaus Harpprecht, Lotte Loebinger, Ruth von Mayenburg, Greta Wehner, Karl Wienand), dokumentarischem Material und Spielszenen (Schwarzweiß-Kamera: Achim Poulheim / Musik: Hans Peter Ströer) bietet aufkläre­risches Vergnügen und unterhaltsamen Erkenntnisgewinn.