24. September 2013

Wenn sich die späten Nebel drehn

DVD | »Lili Marleen« von Rainer Werner Fassbinder (1981)

»Und vor allem: mit viel mehr Gefühl!« Es war einmal im Dritten Reich … In einer meisterhaft simmelesken Verschmel­zung (man könnte auch sagen: Verschmalzung) von Liebesdrama und Zeithistorie blättert Rainer Werner Fassbinder (nach einem Drehbuch des gewiegten Emotionsexploiteurs Manfred Purzer) den großen Schicksalsroman der ehrgeizig-treuherzigen Sängerin Willie Bunterberg (Hanna Schygulla) auf, folgt dem verschlungenen Lebensweg der sentimental-sinnlichen Diseuse zwischen Scheinfrieden und Weltkrieg, Bumslokal und Showbühne, Widerstand und Führer­empfang, geilen Nazis und scharfen Juden. »Der Himmel hat viele Farben«, nannte Lale Andersen – Interpretin der melancholischen Schlagerballade »Lili Marleen«, der legendären »Schnulze mit den Totentanzgeruch« (Joseph Goebbels) –, Bunterbergs Vorbild aus dem sogenannten richtigen Leben, ihre Memoiren; und viele Farben hat auch »Lilli Marleen«, der Film: Selten waren die Nächte so blau, die Lippen so rot, die Klischees so grell. Fassbinder (der nach guter, alter Tradition als »Spielleiter« des Werks figu­riert) zieht für seine radikal schwülstige, mit Sternchenfilter und Weichzeichner überzogene Großdeutschland-Revue wirksam alle Register der einst von der Ufa und von Hollywood gestimmten Gefühlsorgel. Seriös-abgewogene Erinnerungskultur sieht anders aus, hört sich anders an, aber wie sagte ein führender National­sozialist so schön: »Wenn ich das Wort ›Kultur‹ höre, entsichere ich meinen Revolver.«

23. September 2013

Von Gäulen und vom Recht

Kino | »Michael Kohlhaas« von Arnaud des Pallières (2013)

Irgendwo im 16. Jahrhundert: Pferdehändler Michael Kohlhaas verlangt von der Landesherrschaft Genugtuung für zwei böswillig geschundene Rappen und einen mißhandelten Knecht – koste es, was es wolle. Was Arnaud des Pallières will, der Heinrich von Kleists Novelle für die Leinwand adaptierte, liegt dagegen 122 Minuten lang im Dunkeln. Die rauhen Landschaften der Cevennen und des Vercors (die Kleists Brandenburg ersetzen), die einsamen Wälder und Hochebenen Zentralfrankreichs, seine Natursteingehöfte, seine ragenden Burgen, werden dekorativ abgefeiert, Mads Mikkelsen, der statuarisch die Titelrolle verkörpert, wird in jeder Einstellung zum Plakatmotiv stilisiert, doch der zentrale Konflikt von feudaler Rechtshoheit und bürgerlichem Gerechtigkeitsdrang bleibt so nebensächlich wie das Mißverhältnis von erlittener und wutschnaubend verbreiteter Willkür, so unwichtig wie die klaffende Diskrepanz von Rechtschaffenheit und Entsetzlichkeit. Der inhaltlichen Unschärfe entspricht die formale Überforderung: »Michael Kohlhaas«, vom Regisseur selbst wie mit dem Fallbeil geschnitten, wirkt, zumal in den wenigen aktionsgetriebenen Sequenzen, hilflos und unübersichtlich inszeniert, gleicht einem prahlerisch aufgeblasenen Kleinejungentraum vom großen Ritterfilm.

21. September 2013

Up against it

DVD | »Prick Up Your Ears« von Stephen Frears (1987)

»Writing is one tenth inspiration, nine tenths ...« – »… masturbation!« Stephen Frears’ filmischer Entwicklungsroman über den schwulen britischen Star-Dramatiker Joe Orton, der nach zwei spektakulären West-End-Erfolgen 1967 von seinem longtime companion Kenneth Halliwell erschlagen wurde, entwirft, neben bestechenden Psychogrammen der Protagonisten, ein farbiges Bild der Londoner (Sub-)Kulturszene der 1950er und -60er Jahre. Das Drehbuch, das Alan Bennett nach einer Vorlage von John Lahr verfaßte, ist ein Paradebeispiel für die gelungene Verbindung von erzählerischer Ökonomie und Freude am illustrativen Detail, wobei insbesondere die dramaturgische Parallelführung von Recherche-Ebene (Wallace Shawn als forschender Biograph) und stückweise zusammengesetzter Lebensgeschichte überzeugt. Die Darsteller sind allesamt erstklassig: Gary Oldman brilliert als proletarischer It-Boy der Swinging Sixties (»I want everyone to know I was the best developed playwright of my generation.«); Alfred Molina liefert das eindrückliche Portrait eines leidlich talentierten Menschen, der vom flimmernden Genie seines Partners erst in den Frust, dann in den Wahnsinn getrieben wird, um schließlich geradezu zwangsläufig zur Mordwaffe zu greifen (»The whole point about irrational behavior is that it IS irrational!«); Vanessa Redgrave, selbst eine Legende der kulturell und körperlich bewegten Epoche, gibt Ortons betriebsame Agentin (»Prison gives a writer credentials.«) – und alleine für die Szene, in der sie beiläufig-britisch von Joes, gelinde gesagt: abwechslungsreichem, Sexleben berichtet, während sie sich gierig ein Stück Melone in den Mund schiebt, gehört ihr der trotzkistische Arsch geküßt. »Prick Up Your Ears« ist die angemessene Würdigung eines Autors, der mit seinen Sozialfarcen der Gesellschaft seiner Zeit entlarvend-amüsante Zerrspiegelbilder vorhielt, und, trotz des hammerharten Endes, eine Kinofreude in jeglicher Hinsicht: komisch, traurig, ironisch, dramatisch, biestig – kurz: lebendig.

12. September 2013

Looking without seeing

DVD | »The Draughtsman's Contract« von Peter Greenaway (1982)

In einem Vexierbild ist, nach Franz Kafka, das Versteckte deutlich und unsichtbar zugleich – niemals fände man etwas darin, wüßte man nicht, daß es in ihm steckt. Peter Greenaway treibt das Spiel mit der optischen Täuschung noch ein Stückchen weiter: Sein hochbarockes picture puzzle um ländliche Intrigen und den nassen Tod eines Edelmannes geizt nicht mit Schauwerten, Hinweisen und Spuren, verweigert sich jedoch hartnäckig einer finalen Lösung des dargeboteten Rätsels … Im Zentrum der Erzählung steht der so arrogante wie naive Zeichner Mr. Neville (Anthony Higgins), der im Sommer des Jahres 1694 zwölf Ansichten des Herrensitzes Compton Anstey fertigen soll und während dieser Arbeit in die Ränkespiele eines aristo­kra­tischen Hauswesens verwickelt wird. Die simple naturalistische Anschau­ung, die penibel akkurate Nachzeichnung, mit welcher der Künstler meint, seine Aufgabe bewältigen zu können, macht ihn sehenden Auges blind für die verborgenen Bedeutungen, die sich in und hinter den von ihm beflissen reproduzierten Oberflächenphänomenen verbergen. »The Draughtman’s Contract«, eine delikate Abfolge von geometrischen Arrangements, lebenden Bildern und preziösen Dialogen, läßt sich glei­cher­maßen als elegant inszenierter Whodunit ohne befrie­digende Aufklärung wie auch als kunsthistorische Schnitzeljagd voller Reverenzen und ironischer Reflexionen goutieren. Michael Nymans, an Vorbilder des 17. Jahrhunderts angelehn­te, minimalistische Kompositionen treiben den Film energisch an ein Ende, daß die Definition der Gebrüder Grimm bestätigt, nach der »Vexierbilder, die, von der einen Seite betrachtet, reizend aussehen, von der andern ins Auge gefaßt, einen grauenhaften Eindruck machen.«