22. Mai 2013

Das grüne Leuchten

Zweimal Gatsby

DVD | »The Great Gatsby« von Jack Clayton (1974)

Poetisches Zeitbild, Revue des amerikanischen Traums, Geschichte einer großen Sehnsucht – Jack Claytons Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald (nach einem Drehbuch von Francis Ford Coppola) ist wenig bis nichts davon, und auch die reichlich kolportagehafte Handlung will kaum in die Gänge kommen. Vielleicht liegt es an der ohne jedes Feingefühl herumzoomenden und -schwenkenden Kamera (Douglas Slocombe), vielleicht an den vielen scheußlichen Überblendungen, vielleicht an der mal platt-illustrativen, mal schwerfällig-schleppenden Regie, daß »The Great Gatsby« nicht in den Rhythmus des Jazz Age findet, auch wenn Kostümbild, Ausstattung und Musikarrangements den einen oder anderen nostalgischen Schlüsselreiz setzen. Die gestalterischen Halbherzigkeiten sind um so bedauerlicher, als alle Mitglieder des großartigen Ensembles willens und fähig scheinen, ihr Bestes zu geben. Immer wieder spielen die Darsteller – Robert Redford in der Titelrolle des enigmatischen New Yorker Neureichen, Mia Farrow als übernervöses (und letztlich wertloses) Objekt der Begierde, Bruce Dern als Matador des Establishments, Lois Chiles als High-Snobiety-Girl, Karen Black als teures Flittchen, Scott Wilson als Vollstrecker aus dem Tal der Asche, Sam Waterston als Erzähler – an der transusigen Inszenierung ganz einfach vorbei, lassen immer wieder die Ahnung eines wunderbaren Films aufblitzen: Gatsby, der Reichtümer nur anhäuft, um die Zukunft nach dem Bild einer für immer vergangenen Vergangenheit zu malen, ist der romantische Held einer Welt, die, indem sie sich zerstört, zu ihrer Unschuld zurückzufinden hofft. Das grüne Licht, nach dem Gatsby hascht, das Signal auf der anderen Seite des Long-Island-Sundes, beim Haus der verlorenen Geliebten, bleibt so nah, so fern, so gegenwärtig, so unerreichbar wie das vor Zeiten gelebte oder verpaßte Leben, das, so oder so, niemals wiederkehren wird.

Kino | »The Great Gatsby« von Baz Luhrmann (2013

Eingebettet in eine überflüssige Rahmenhandlung – der Erzähler (Tobey Maguire), vom kurz zuvor Erlebten psychisch gebrochen, wird von einem Nervenarzt animiert, einen Roman zu schreiben, um sich seelisch zu entlasten –, aufgefüllt mit phrasenhaften Rückblenden, die den Figuren jedes Geheimnis nehmen, setzt Baz Luhrmann die Geschichte des unglücklichen Geldmagnaten und seiner unerfüllbaren Liebe überkandidelt-dreidimensional in Szene. Gestalterische Dezenz, kontrollierter Einsatz der filmischen Mittel oder etwa ein Gespür für andeutendes Erzählen waren noch nie Sache des Regisseurs, der in »The Great Gatsby« (einmal mehr) die inszenatorische Konfettikanone anwirft und billige Effekte amassiert wie sein Protagonist die fragwürdigen Dollars. Die Kamera schießt rauf und runter, rast hin und her, die Computer errechnen Kitschpostkarten von riesigen Landsitzen auf Long Island und glitzernden New Yorker Straßenschluchten, die Darsteller versinken im totalen Party-Glamour der Ausstattung, der Score ergeht sich in abgedroschenen Anachronismen, das legendäre grüne Licht, die Utopie, nach der Gatsby verlangend greift, strahlt hell wie eine Supernova. Wer will, mag diese katzengoldene Vulgarität für eine radikale Modernisierung des Stoffes halten, oder für subversive Trivialisierung, oder gar für das ästhetische Äquivalent eines entfesselten Kapitalismus, der ja auch keine geschmackliche Gnade kennt. Leonardo DiCaprio, überzeugend besetzt wie lange nicht mehr, spielt in der Titelrolle tapfer gegen den audiovisuellen Overkill an, aber angesichts der glitzernden Grobschlächtigkeit des vollsynthetischen Disneyland-Blendwerks verblaßt selbst die Aura eines Megastars … Hinter dem künstlichen Flitter liege der wirkliche Flitter, sagte einst Oscar Levant über Hollywood. Bei Luhrmann ist auch der echte Flitter falsch, und dahinter gähnt die Leere.

10. Mai 2013

Il n’y a plus d’espions

Vier Agentenfilme von Claude Chabrol

Claude Chabrols Regiedebüt »Le beau Serge« aus dem Jahr 1958 gilt als erster Film der Nouvelle Vague. Nach einigen Kritiker- und Publikumserfolgen beginnt Chabrols Stern schon Anfang der sechziger Jahre wieder zu sinken. Auf verlustreiche oder geschmähte Werke, wie die »Hamlet«-Adaption »Ophélia« oder die Serienmörder-Biographie »Landru«, folgen für den arbeitsbesessenen Chabrol anderthalb bittere Jahre der Beschäftigungslosigkeit. 1964 nimmt er daher nicht ungern das Angebot des Schauspielers Roger Hanin an, eine Fortsetzung der »Gorille«-Reihe zu inszenieren. Das Vorhaben kommt aus rechtlichen Gründen nicht zustande, so daß Hanin, angeregt durch den Erfolg der James-Bond-Filme, kurzerhand die Rolle des französischen Geheimagenten »le tigre« für sich erfindet. »Le tigre aime la chair fraîche« ist ein finanzieller Erfolg, und Chabrol dreht bis 1967 noch drei weitere Eurospy-Thriller: »Marie-Chantal contre Dr. Kha«, »Le tigre se parfume à la dynamite«, »La route de Corinthe«, Genrefilme, die zwar nicht seine Reputation bei den Rezensenten, wohl aber seine Bonität bei den Geldgebern wiederherstellen. »La route de Corinthe« markiert den Beginn der ebenso langjährigen wie fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und André Génovès, der sämtliche (Meister-)Werke aus Chabrols klassischer Periode von »Les biches« (1968) bis »Les innocents aux mains sales« (1975) produziert. 


1964 | »Le tigre aime la chair fraîche« (»Der Tiger liebt nur frisches Fleisch«)

Roger Hanin ist Louis Rapière (= der Degen), genannt ›le tigre‹, ein taffer französischer Geheimdienstler, der freudig austeilt, sich aber, wie es scheint, ab und zu auch ganz gern mal durchprügeln läßt. Der ›Tiger‹ hat den Auftrag, einen Waffendeal zwischen der Grande Nation und der Türkei abzusichern, den eine Handvoll (rivalisierender) Finsterlinge hintertreiben will; insbesondere gilt es, die attraktive Frau und die hübsche Tochter des angereisten Kriegsministers vor den Nachstellungen der Halunken zu beschützen … Claude Chabrol betrachtet die Mechanismen des Spionagefilms mit der ihm eigenen spöttischen Distanz und fabriziert (nach einem Drehbuch des Hauptdarstellers) einen kauzigen 007-Aufguß im Westentaschenformat, wobei er dem Vorbild unumwunden Reverenz erweist: Ian Flemings Roman »From Russia with Love« wird prominent ins Bild gesetzt, der platinblonde Schlagetot Dombrovsky (Mario David) ist eine parodistische ›Red‹-Grant-Imitation, und Bond girl Daniela Bianchi spielt gleich selber mit. Die läppische Intrige zerfällt schnell in x-beliebige Erzählbausteine, was – dank Jean Rabiers stilvoller Schwarzweiß-Fotografie, dank eines wachen Sinns für die Inszenierung von Schauplätzen (eine überschwemmte Villa, der Flughafen Orly, ein Autofriedhof mit Schrottpresse) und dank des kuriosen Schurkenkabinetts (unter anderem ein Zwerg namens Jean-Luc) – nicht besonders unangenehm auffällt.

1965 | »Marie-Chantal contre Dr. Kha« (»M. C. contra Dr. Kha«)

»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt macht. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Erlebnissen wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben. 

1965 | »Le tigre se parfume à la dynamite« (»Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit«)

In seinem zweiten (und letzten) Abenteuer verschlägt es den ›Tiger‹ Louis Rapière (Roger Hanin, der auch wieder das Drehbuch schrieb) nach Südamerika; der französische Agent soll den Rücktransport eines Goldschatzes überwachen, der aus einer einstmals vor Cayenne gesunkenen Galeone geborgen wurde. Das Gold wird gestohlen, und schon bald tut sich der Abgrund einer revolutionären Verschwörung auf: Die kryptofaschistische Geheimorganisation ›Orchidee‹ (unter Führung eines gewissen Hans Heinz von Wünschendorf) plant, nach dem Motto »heute gehört uns Guayana und morgen die ganze Welt«, den Umsturz in der Dschungelkolonie. Claude Chabrol verrührt Waffenschmuggel, Atomsprengköpfe und eine vage Rasseideologie zu einem klumpig-faden (im sonnigen Andalusien gedrehten) Thrillerpotpourri, das weder Michel Bouquet (als fanatischer Zoodirektor) noch Margaret Lee (als suspekte Amerikanerin Pamela Mitchum) noch ein Kurzauftritt des Regisseurs (als versoffener Röntgenarzt, der einen toten Hai durchleuchtet) aufwürzen können. Einzig die in Bouquets Tierpark spielende Schlußszene des Films erreicht eine gewisse surreale Qualität: Die Showdown-Montage, die statt des eigentlichen Schußwechsels Bilder eingesperrter, brüllender, flatternder Kreaturen zeigt, mag Stanley Donen und Luis Buñuel als Inspiration für ähnliche Sequenzen in »Arabesque« und »Le fantôme de la liberté« gedient haben.

1967 | »La route de Corinthe« (»Die Straße von Korinth«)

»Je ne vous demande pas d’y croire, je vous propose d’y rêver.« Die Schweiz bei Hitchcock, das sind Berge, Seen und Schokolade. Claude Chabrol macht es ähnlich: Griechenland, das sind Marmor und Tempel, das blaue Meer und der zirpende Klang der Bouzouki. Die amüsant-nichtige Handlung seiner visuell recht ansprechenden kleinen Spy-spoof-Etüde dreht sich um irgendwelche schwarzen Kästchen, die auf mysteriöse Weise die in der Ägäis stationierten NATO-Raketen stören. Ein Abwehrmann geht tot. Dessen naiv-beherzte Witwe Shanny (Jean Seberg) klärt den Fall auf – mehr oder weniger gegen den Willen des aalglatten Sektionschefs Sharps (Michel Bouquet), der lieber seiner Loukoum-Sucht frönt, als den nachrichtendienstlichen Pflichten nachzukommen, dafür unterstützt von Dex (Maurice Ronet), einem Kollegen des Verstorbenen und baldigen love interest der Hinterbliebenen … Zum zweiten Mal nach »Marie-Chantal contre Dr. Kha« stellt Chabrol eine Frau, die wie ein schutzengelbehütetes Kind durch die Traumlandschaften des Verrats wandelt, in den Mittelpunkt einer burlesken Spionageerzählung, und wiederum geht das Konzept auf. Zwar entwickelt der Regisseur die filmische Spannung bestenfalls theoretisch, schafft aber, vermittels dubioser Zauberkünstler und mörderischer Popen, weißer Kaninchen und Gräbern mit Telefonanschluß, verstreuter Rosenblätter, die den richtigen Weg weisen, und Statuen, die dunkle Geheimnisse bergen, eine Atmosphäre von lyrischer Absurdität.

4. Mai 2013

Ich erinnere mich

Kürzlich erreichte mich die Mitteilung, daß mein Schuljahrgang sich in diesem Jahr zum 30jährigen Abiturtreffen versammeln wird. Diese Tatsache hat mich zugegebenermaßen etwas schwermütig gestimmt. 1983. Verdammt lang her. Bei der leicht melancholischen Rückschau ist mir aufgefallen, daß sich mit dem Ende der Schulzeit und dem Umzug vom Stadtrand ins Zentrum (West-)Berlins, der kurz darauf stattfand, der Beginn meiner Entwicklung zum leidenschaftlichen Kinogänger und Filmenthusiasten verbindet. Ich mußte in den vergangenen Wochen häufig an die vielen dunklen Säle denken, in denen ich einen wesentlichen Teil meines Lebens verbracht habe, Orte zumal, die in den letzten Jahren fast alle verschwunden sind. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich möchte kein Gejammer über den bösen Lauf der Welt anstimmen. Ich gehe nicht mehr so häufig ins Kino wie früher, und würde es vermutlich auch dann nicht tun, wenn es die auf der Strecke der Zeit gebliebenen Orte noch gäbe. Ich hatte einfach Lust, einige Reminiszenzen an oft und gern besuchte Kinos aufzuschreiben, vielleicht auch, dem einen oder anderen diese versunkenen Stätten wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Form habe ich umstandslos bei zwei Büchern entliehen, die ich sehr mag: Joe Brainards »I Remember« und Georges Perecs »Je me souviens«. Die einzelnen Erinnerungen folgen keiner bestimmten Ordnung sondern allein der Dramaturgie des Zurückdenkens.

Ich erinnere mich an die Sommerfestivals der großen Filmepen, die regelmäßig im alten Filmkunst 66 Bleibtreu- Ecke Niebuhrstraße veranstaltet wurden. Alljährlich im Juli und August wurden Filme gespielt, die unbedingt ins Kino gehören, Filme wie Bertoluccis »1900« (beide Teile an einem Abend), Viscontis »Der Leopard«, Kubricks »Barry Lyndon«, Leones »Es war einmal in Amerika«, Coppolas »Der Pate« und »Der Pate II« (als double feature bis weit in die Nacht). In diesem Kino habe ich auch einen meiner Lieblingsfilme, »Frühstück bei Tiffany, zum ersten Mal auf der Leinwand gesehen, und hier hatte ich meine erste Begegnung mit Paul Verhoeven: »Der vierte Mann« gehört bis heute zu meinen Favoriten.

Ich erinnere mich an die Wiederaufführung von Billy Wilders »Eins, zwei, drei« im Delphi-Palast an der Kantstraße, Mitte der achtziger Jahre. Deutschland und Berlin waren noch durch eine Mauer geteilt, aber die Zeit war endlich reif für Wilders respektlose Politsatire über Ost und West, über Kommunismus und Kapitalismus, reif für einen Film, der seit 1961 im Regal gelegen hatte. Der Saal hat gebrüllt vor Lachen, doch die Pointen waren so perfekt gesetzt, daß zwischen den frenetischen Ausbrüchen von Heiterkeit kein einziger Gag verloren ging. Wenn ich den Film heute auf DVD wiedersehe, finde ich immer noch brillant, geschliffen, radikal, aber so rasend komisch wie damals im ausverkauften Kinosaal war er nie wieder. Auf der großen Leinwand des Delphi habe ich auch Mankiewiczs »Alles über Eva«, Wilders »Frau ohne Gewissen« und Sirks »Zeit zu leben und Zeit zu sterben« gesehen, und, kurz nach der Wende, Frank Beyers aus dem DDR-Giftschrank befreite »Spur der Steine«. Kurioserweise diente das Delphi lange Zeit als Probebühne für das benachbarte Theater des Westens; die vorderen Reihen waren mit einem Podest verbaut.

Ich erinnere mich an das Studio am Adenauerplatz, das direkt neben dem Eingang zu einem der zahlreichen Amüsierschuppen von Rolf Eden lag. Im Studio habe ich Viscontis »Rocco und seine Brüder gesehen«, und einen Film von Antonioni, ich glaube, es war »Die Nacht«.

Ich erinnere mich an das Graffiti am Ludwigkirchplatz, Ecke Emser und Pariser Straße, in Wilmersdorf. In den »Halbstarken« kann man das Kino im Hinter­grund einer Szene erkennen, die an der gegenüberliegenden Tankstelle spielt. (Die Tankstelle ist heute ein Drogeriemarkt.) In den achtziger Jahren wurde es von Franz Stadler, dem engagierten Betreiber des Filmkunst 66, wiedereröffnet. Im Graffiti lief ein Film, auf den ich lange gewartet hatte – leider nur in einer Spätvorstellung nach einem anstrengenden Tag. Ich bin schon nach wenigen Minuten eingeschlafen, und habe heute vergessen, um welchen Film es sich eigentlich handelte.

Ich erinnere mich an das Schlüter-Kino in der – wer hätte es gedacht? – Schlüterstraße in Charlottenburg. Es war eines der typischen schmalen, langgestreckten Ladenkinos, die sich durch den ganzen Seitenflügel eines Berliner Mietshauses ziehen, und es war eines der letzten, wenn nicht überhaupt das letzte Repertoirekino in der Stadt. Betrieben wurde es von ›Onkel‹ Bruno Dunst, einem älteren Herrn mit Rauschebart und weißem Pferdeschwanz, und seiner Gattin Irmchen. Onkel Bruno zeigte im Schlüter dreimal täglich hauseigene Kopien, von Marx-Brothers-Komödien bis zu Kubricks »Shining«, den ich hier wohl fünf- oder sechsmal gesehen habe. Irgendwann kannte ich jede Schramme, jede Klebestelle.

Ich erinnere mich an das Klick in der Charlottenburger Windscheidstraße, unweit des Stuttgarter Platzes. Zum Kino gehörte eine Kneipe, die den rauchigen Charme der studentischen Siebziger bewahrt hatte. Lange dachte ich, daß das Klick nach Roland Klick benannt worden sei, daß es ihm vielleicht sogar gehörte. Ich habe dieses Kino nicht besonders oft besucht, weiß aber noch, daß ich dort Sautets »Eine einfache Geschichte« mit Romy Schneider in einer vollkommen ausgeblichenen Kopie gesehen habe. Der Film gehört allerdings auch in Originalfarbigkeit nicht zu den stärksten Arbeiten des Regisseurs.

Ich erinnere mich an den Notausgang in der Vorbergstraße in Schöneberg, auch ein typisches Berliner Schlauchkino. Der Besitzer, Gunter Rometsch, war Lubitschfanatiker – er setzte sogar eine lebensgroße Skulptur seines Helden in den Saal. Im Notausgang habe ich »Rendezvous nach Ladenschluß« gesehen, der mir nicht unbedingt als bester Lubitsch in Erinnerung geblieben ist, aber auch Clouzots »Die Teuflischen«, ein Film auf den ich sehr gespannt war, weil mein Vater immer begeistert von ihm gesprochen hatte.

Ich erinnere mich an den alten Gloria-Palast am Kurfürstendamm. In diesem geschmackvollen Kinobau aus den fünfziger Jahren habe ich dreißig Jahre später passenderweise die Wiederaufführungen jener Hitchcock-Filme aus der Bauzeit des Kinos erlebt, die der Meister selbst nach und nach aus dem Verleih gezogen hatte: »Das Fenster zum Hof«, »Immer Ärger mit Harry«, »Der Mann, der zuviel wußte«, »Vertigo«. Kurz darauf wurde der Saal abgerissen und durch einen reizlosen Neubau ersetzt, nur das Foyer und die geschwun­gene Treppe in den ersten Stock blieben erhalten.

Ich erinnere mich an das alte Astor, Kurfürstendamm Ecke Fasanenstraße, ein ehemaliges Revuetheater, was an den für ein Kino eher ungewöhnlichen Seitenrängen noch zu erkennen war. Hier habe ich »Wolfsmilch« mit Meryl Streep und Jack Nicholson gesehen, der einzige Film (neben »Meine Lieder – meine Träume«, der unsäglichen deutschen Synchronfassung von »The Sound of Music«), bei dem ich vorzeitig das Kino verlassen habe. Im Astor liefen aber auch Woody Allens »Hannah und ihre Schwestern« und, im Rahmen einer Berlinale-Retro, Robert Siodmaks Fünfziger-Jahre-Fassung von Hauptmanns »Die Ratten«.

Ich erinnere mich an das Olympia, ein kleines Kino im ersten Stock eines mittlerweile abgerissenen Gründerzeithauses an der Ecke Joachimtaler und Kantstraße. Eine lange, einläufige, absatzlose Treppe führte hinauf ins Foyer. Im Olympia habe ich Tatis »Playtime« gesehen, und Almodóvars »Das Gesetz der Begierde«, den ich bis heute für einen der tollsten Filme des Spaniers halte, vielleicht sogar für seinen besten, weil er so rauh ist, so direkt, so tiefempfunden verkitscht. Einmal lief hier auch ein Kurzfilm, den einer meiner Freunde gemacht hatte, regulär im Programm, als Vorfilm zu Polanskis »Der Mieter«.

Ich erinnere mich an das MGM am Kurfürstendamm Ecke Bleibtreustraße, den Ort meiner ersten Kinoerlebnisse. Hier hat, wenn man so will, alles angefangen. Im MGM habe ich die »Aristocats« gesehen und, zweimal, »Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett«. Das MGM war eines der großen Uraufführungskinos am Kudamm, eine pompöse Fünfziger-Jahre-Kiste mit strahlender Fassade. Es heißt, das MGM wäre durch die Aufführung des Films »Erdbeben«, für die extra eine neue Sensurround-Tonanlage installiert wurde, in der Bausubstanz so stark erschüttert worden, daß es abgerissen werden mußte. Urbane Legende oder traurige Wahrheit? In jedem Fall eine hübsche Anekdote.

Ich erinnere mich an das Ili in Neukölln. Meine Oma wohnte ganz in der Nähe, und auf unseren Spaziergängen sind wir hin und wieder an diesem kleinen Eckkino im Erdgeschoß eines tristen Mietshauses vorbeige­kommen. Meine Oma bezeichnete das Ili als »Flohkino«, ein Begriff, den ich damals zum ersten Mal hörte, und der, wie die Flohkinos selbst, heute mehr oder weniger ver­schwunden ist. Im Ili war ich nur ein einziges Mal – meine Oma war schon lange tot –, um mir ein Woody-Allen-Doppelprogramm anzusehen: »Manhattan« und »Stardust Memories«.

Ich erinnere mich an die Lupe 1 und an die Lupe 2, zwei Programmkinos, die ursprünglich dem Verleiher Walter Kirchner (»Neue Filmkunst«) gehört hatten. Ihr Logo war die Profillinie eines Kopfes, wobei sich das Auge zu einer Schnecke drehte. Die Lupe 1 lag am Kurfürstendamm Ecke Knesebeckstraße, im ersten Stock eines Geschäftshauses; der Eingang befand sich in einer Ladenpassage, die Wand des Treppenaufgangs war tapeziert mit den Verleihplakaten der »Neuen Filmkunst«, deren eigenwillige Grafik häufig an die weniger direkt-illustrative denn abstrakt-assoziative polnische Plakatkunst denken läßt. Hier sah ich, es war der einzige Kinoausflug mit der Schule, Claude Millers »Das Verhör«, später dann, nicht nur einmal, Otar Iosselianis tatieskes Sittenkomödienmosaik »Die Günstlinge des Mondes«. Die Lupe 2 lag, ein paar Gehminuten entfernt, im Erdgeschoß eines Eckhauses am Olivaer Platz. Hier habe ich Truffauts »Frau nebenan« gesehen und die Filme von Akira Kurosawa kennengelernt, dem eine umfangreiche Retrospektive gewidmet war. 

Ich erinnere mich an die Filmbühne am Steinplatz. Der Kinosaal lag, je nach Standpunkt, in, hinter, neben dem gleichnamigen Lokal, schräg gegenüber der Hochschule der Künste. Die Filmbühne pflegte ein sehr ambitioniertes Programm. Dort wurden zum Beispiel eine Retrospektive zum Thema Sport und Film und eine Helmut-Käutner-Werkschau gezeigt. In diesem Kino habe ich Filme wie »Lockender Lorbeer«, »Wie ein wilder Stier« oder »Der Rest ist Schweigen« gesehen, außerdem »Tierische Liebe« von Ulrich Seidl: Immer wenn ich an der Filmbühne vorbeikomme, stehen mir die gepflegte Dame in den besten Jahre und ihr geliebter Husky vor Augen.

Ich erinnere mich an ein winziges Kino, dessen Namen ich leider vergessen habe. Es lag auf der Nordseite der Leipziger Straße, im Erdgeschoß eines der großen sozialistischen Wohnblocks. Ich war nur ein einziges Mal dort, um mir Truffauts »Geraubte Küsse« anzuschauen. Antoine Doinel, Antoine Doinel, Antoine Doinel, Antoine Doinel, Antoine Doinel, Antoine Doinel, Antoine Doinel …

Ich erinnere mich an ein weiteres verschwundenes Kino, dessen Name mir auch entfallen ist. Es lag an der Friedrichstraße, kurz vor dem Oranienburger Tor, gleich um die Ecke vom Tacheles, das es ebenfalls nicht mehr gibt. In diesem Kino habe ich »Dead Man« gesehen. Ich war nie ein großer Jarmusch-Fan, und auch sein einschläfernder Trancewestern hat daran nichts geändert.

Ich erinnere mich an das Kosmos an der Frankfurter Allee. Ich war nicht zu DDR-Zeiten dort, sondern erst viel später, als es schon zu einem Multiplex umgebaut worden war. Im großen Saal lief Paul Verhoevens »Starship Troopers«, und die Kartenverkäuferin wollte von mir wissen, ob ich denn überhaupt schon 18 sei. Ich weiß bis heute nicht, ob sie die Frage wirklich ernst meinte.

Ich erinnere mich an das Börse-Kino in der Burgstraße in Mitte, gegenüber der Museumsinsel. Es wurde vom Progreß-Verleih betrieben und zeigte, ich weiß nicht ob hauptsächlich oder ausschließlich, Defa-Filme. Ich habe dort »Irgendwo in Berlin« gesehen, ein Film, der mich immer stark an die Nachkriegserzählungen meines Vaters erinnert, und, natürlich, »Die Legende von Paul und Paula«.

Ich erinnere mich an die drei kleinen Kinos im inzwischen abgerissenen Kudamm-Eck, einem katastrophal gescheiterten Versuch weltstädtischer Shopping-Center-Architektur in Berlin. Die Kinos hießen Oscar, Camera und Smoky, wobei es sich bei letzterem, wie der Name verrät, um ein Raucherkino handelte. In den siebziger Jahren habe ich im Kudamm-Eck mindestens zwei Filme zusammen mit meinen Eltern angeschaut: Mel Brooks’ »Silent Movie« und »Eine Hochzeit« von Robert Altman. Keinen der beiden Filme habe ich seither wiedergesehen. An die Slapstick-Komödie habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr, im anderen Fall entsinne ich mich an die Zahnspange der lächelnden Braut und an einen Kuß zwischen zwei Männern. Das Kudamm-Eck funktionierte trotz seiner zentralen Lage, vis-à-vis vom Café Kranzler, überhaupt nicht, und aus Programm- wurden bald schon Pornokinos.

Ich erinnere mich an das Marmorhaus schräg gegenüber der Gedächtniskirche. Ich kannte es nicht in der ursprünglichen Gestalt als ältester überlebender Kinopalast im Berliner Westen, sondern nur nach dem Umbau in vier kleinere Säle, die durch sehr unübersichtliche Gänge und verwinkelte Treppen erschlossen wurden. Hier habe ich, als begeisterter Zehn-, Elf-, Zwölfjähriger, zahlreiche Komödien mit Louis de Funès, Jean-Paul Belmondo und Pierre Richard gesehen: »Brust oder Keule«, »Das Superhirn«, »Das Spielzeug«. Später habe ich das Marmorhaus wegen seiner piranesihaften Innenwelten so selten wie möglich besucht.

Ich erinnere mich an Kinos, die schon lange vor meiner Zeit als Kino­gänger geschlossen und zu Supermärkten umgebaut worden waren. Sie waren zumeist nur noch an den alten Schriftzügen zu erkennen, die man nicht abmontiert hatte: das Lux und das Maxim an der Sonnenallee, der Spiegel in der Drakestraße in Lichterfelde.

Ich erinnere mich an Kinos, in die ein normalsterblicher Berliner nicht gehen konnte, weil es die Kinos der alliierten Soldaten waren: das Outpost an der Clayallee und das Columbia am Columbiadamm, gegenüber vom Flughafen Tempelhof, zwei Nachkriegsbauten mit elegant geschwungenen weißen Fassaden und großen Neonbuchstaben über den Eingängen, und das Globe Cinema am Theodor-Heuß-Platz.

Ich erinnere mich an eine Vorführung von Premingers »Anatomie eines Mordes« im Kant-Kino, die mich ungefähr ab Mitte des Films völlig verwirrte, bis ich begriff, daß der Vorführer die Akte vertauscht hatte.

Ich erinnere mich an eine Vorführung von Richard Lesters »Der gewisse Kniff« im Schöneberger Xenon, das damals noch kein schwules Programm machte. Ich hatte lange gewartet, bis dieser Klassiker des Swinging-London-Kinos endlich einmal auf der Leinwand zu sehen war, dann wohnte ich der Zerstörung einer Kopie bei. Immer wieder schredderte der Projektor die Perforation, immer wieder riß der Film. Nach einer halben Stunde habe ich die Vorführung verlassen. Im Xenon habe ich aber auch Polanskis »Der Mieter« und Ophüls’ Meisterwerk »Madame de …« kennen- und liebengelernt.

Ich erinnere mich an das Sputnik in der Reinickendorfer Straße im Wedding. In diesem atmosphärischen Hofkino, einem schlichten Bau aus den fünfziger Jahren, direkt neben der S-Bahn-Trasse gelegen, habe ich, sehr stilecht, Gerd Oswalds schönen Berlin-Film »Am Tag, als der Regen kam« über eine kriminelle Jugendbande gesehen.

Ich erinnere mich an den Royal-Palast im Europa-Center, seinerzeit angeblich das Kino mit der größten Leinwand des Kontinents. Vom Kassenraum führte eine Rolltreppe in ein niedriges Foyer, eher eine Verteilerhalle, deren Decke mit Alufolie beklebt waren. Ein Freund hatte damals die Idee für einen Kalender, der Berlins zwölf häßlichste Innenräume zeigen sollte. Dieser Ort hätte dazu gehört. Aber die Leinwand war tatsächlich riesig, genau wie meine dortigen Filmerlebnisse: »Star Wars« mit 13 und ein paar Jahre später dann »Indiana Jones«, »Das Boot« und Coppolas unterschätzter »Cotton Club«, »Stirb langsam« und »Mars Attacks!«. Besonders imposant waren die 70mm-Aufführungen von Kubricks »2001«, den ich mehrfach dort sah und niemals kleiner sehen möchte, und die rekonstruierte Fassung von David Leans »Lawrence von Arabien« – im Royal-Palast war die Wüste wirklich grenzenlos. Am Tag, als die Mauer fiel, habe ich dort »Friedhof der Kuscheltiere« gesehen, mein erster Film nach dem 11. September war Spielbergs »A.I.« im Royal-Palast, und mit der Klamotte »50 erste Dates« ging dieses glanzvolle Kapitel Kinogeschichte für mich eher glanzlos zu Ende.

Ich erinnere mich an das Broadway, nur ein paar Schritte vom Royal-Palast entfernt, am Tauentzien. Es gab vier kleine Säle – A, B, C, D – mit dem Zauber umgebauter Parkgaragen, aber was für ein Programm. Im Broadway habe ich den »Sinn des Lebens« (nach Monty Python) gefunden. Dort habe ich Greenaways Barockkrimi »Der Kontrakt des Zeichners« gesehen, und am nächsten Tag gleich wieder, und später noch einmal. Ähnlich war es mit Schraders »Mishima«. Im Broadway liefen »Die Kinder des Olymp« und Stephen Frears’ wunderbar erzählte Joe-Orton-Biographie »Prick Up Your Ears« und Ang Lees Cowboy-Melo »Brokeback Mountain«, das ich zwar nicht besonders mochte, und doch nicht vergessen kann.

Ich erinnere mich an die Filmbühne Wien am Kurfürstendamm, wie das Marmorhaus ein brutal zerteiltes Traditionskino aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es gab acht Säle, darunter einige veritable Schuhkartons, wie man sie damals nannte. Ein länglicher Kinoraum war wohl ein ehemaliges Foyer, an einer Seite hingen jedenfalls noch die alten Wandkandelaber; in diesem Saal habe ich »Zelig« gesehen und, ich weiß nicht mehr, ob vorher oder später, »Viktor und Viktoria« von Blake Edwards. In der Filmbühne Wien liefen die jährlichen Disney-Reprisen, die es bis in die frühen Neunziger gab: »Das Dschungelbuch« und »101 Dalamatiner« zum Beispiel; hier habe mich auch erstmals in »Bambi« getraut, einen Film, dem ich mich als Kind verweigert hatte, weil meine Mutter immer wieder erzählte, daß sie ihn als kleines Mädchen so schrecklich traurig fand.

Ich erinnere mich an das Kuli im Kudamm-Karree am Kurfürstendamm. Es lag im ersten Stock des Komplexes und hatte ein plüschig-rotes Interieur, ähnlich den unmittelbar benachbarten Boulevardbühnen. Ich war höchstens zwei- oder dreimal dort und weiß nicht mehr, welche Filme ich dort gesehen habe.

Ich erinnere mich an das Hollywood am Kurfürstendamm. Es war eine Zeitlang als Pornokino genutzt worden, bevor es in den achtziger Jahren wieder einen »normalen« Programmbetrieb aufnahm. Das Hollywood hatte einen schönen, von Neonröhren überwölbten Eingang zwischen den großen, freistehenden Vitrinen eines Geschäftshauses aus den fünfziger Jahren. (Das Kino war, wie ich später in einem Buch über den Kurfürstendamm las, unter dem Namen Bonbonniere eröffnet worden.) Der Saal war, vielleicht aufgrund der vorangegangenen Nutzung, für damalige Verhältnisse ausgesprochen locker bestuhlt, bot Ablagen für Getränke oder anderes sowie viel Bein- und sonstige Freiheit. Hier liefen »Die nackte Kanone«, »Twelve Monkeys« und »Mission: Impossible«. Einer der letzten Filme, den ich dort sah, war Sam Mendes’ »Road to Perdition«.

Ich erinnere mich an den alten Filmpalast am Kurfürstendamm (die heutige Astor Filmlounge), ein überaus stilvoller Fünfziger-Jahre-Bau, der sich, ausgehend von einem verhältnismäßig schmalen Eingangsbereich, in die Tiefe immer weiter öffnet, bis er in einem überraschend großzügigen Saal mit rasant gezackten Deckenverkleidung kulminiert. Hier wurden Spätvorstellungen mit Wiederholungen von »Stirb langsam« und den Indiana-Jones-Filmen gezeigt. Als eines der wenigen verbliebenen Kinos mit 70mm-Projektion spielte der Filmpalast seltene Perlen wie David Leans Edelschmonzette »Ryans Tochter«. Ich werde nie vergessen, wie sich auf der großen Leinwand zwei glitzernde Spinnweben verzwirbeln, während im Off das Liebespaar zueinanderfindet. Hier habe ich auch Antonionis von mir langersehnte »Rote Wüste« gesehen, im Rahmen einer Carlo-di-Palma-Hommage der Berlinale, und war ein wenig enttäuscht.

Ich erinnere mich an das alte Arsenal in der Welserstraße, gegenüber dem Nachtclub von Romy Haag. An den Wänden des Saals hingen Großvergrößerungen von Standbildern aus berühmten Filmen, unter anderem ein Kader aus Eisensteins »Iwan der Schreckliche«: der spitzbärtige Iwan, im leicht geneigten Profil, riesig im Vordergrund, tiefenscharf in der Ferne ein schlangenartig gewundener Menschenzug. Hier habe ich Fritz Langs »Dr. Mabuse, der Spieler« völlig stumm gesehen, begleitet nur vom Rattern des Projektors, durfte aber auch den legendären Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld erleben, soweit ich mich entsinne bei einer Vorführung von Pabsts »Tagebuch einer Verlorenen«. Im Arsenal habe zum ersten Mal Viscontis »Ludwig« gesehen, die Filme von Will Tremper entdeckt und bin bei Tarkowskis »Stalker« sanft entschlummert. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, daß im Arsenal auch eines meiner ganz frühen Kinoerlebnisse stattfand, eine Nachmittagsvorstellung für Kinder von »Kapitän Nemo«, einer quietschbunten Jules-Verne-Verfilmung mit Robert Ryan in der Titelrolle.

Ich erinnere mich, daß ich am Nachmittag meines 33. Geburtstages im Cinema Paris Jacques Demys »Les demoiselles de Rochefort« gesehen habe.

Ich erinnere mich an den alten Zoo-Palast mit seinen Nebenspielstätten Atelier, PaletteMinilux und einigen weiteren, nur bezifferten Sälen. Der Zoo-Palast war lange Zeit für mich das schönste Kino der Stadt, ein Architekturtraum der fünfziger Jahre: die Vorhalle mit den gläsernen Kassen, das Foyer mit dem breiten Bartresen, die seitlichen Treppenaufgänge, in denen man sich auch bei Andrang nicht drängelte, der große Saal mit seinem weit ausholenden Schwung, seinem Sternenhimmel aus Lampen, seinem sahnetortenartigen Vorhang. Hier habe ich meinen ersten James Bond gesehen: »Moonraker«, den ich, obwohl viel geschmäht, bis heute heiß und innig liebe. Später habe ich hier die ersten Berlinale-Besuche gemacht, in meinem ersten Jahr liefen Louis Malles »Crackers«, wohl einer seiner schlechtesten Filme, Cassavetes’ »Love Streams«, der mich ziemlich irritierte, und zwei vergessene Spätwerke großer Meister: Bob Fosses »Star 80« und Sam Fullers »Diebe der Nacht«, die ich beide gerne wiedersehen würde. Im Atelier habe ich zweimal »Gefährliche Liebschaften« gesehen, in der Palette zweimal »Harry und Sally«. Das Minilux ist mir vor allem wegen seines absurden turmartigen Raumvolumens in Erinnerung: Die Leinwand lag in Höhe des Ranges; wer im Parkett saß, mußte sich den Hals verrenken, um etwas zu sehen.

Ich erinnere mich an die Kurbel in der Charlottenburger Giesebrechtstraße, an der Ecke eines kleinen platanenbestandenen Platzes gelegen, der damals noch namenlos war. Das Dreißiger-Jahre-Retro-Flair des Saales paßte gut zu Fassbinders eigenartiger Nabokov-Adaption »Despair – Eine Reise ins Licht« und zu seiner grandiosen »Veronika Voss«. Nach einer baulich recht verunglückten Erweiterung um zwei kleine Säle verlor das Kino deutlich an Attraktivität; immerhin habe ich in der Kurbel später noch »Casino Royal« gesehen und, ich habe keine Ahnung mehr, warum ausgerechnet dieser Film hier gespielt wurde, Alfred Vohrers »Der Bucklige von Soho«. Meine Abschiedsvorstellung in diesem Haus waren »Die Abenteuer von Tim und Struppi«.

Ich erinnere mich, daß ich im Cinema am Walther-Schreiber-Platz »Die Hand­schrift von Saragossa«, Premingers »Bunny Lake ist verschwunden« und »Begegnung« von David Lean entdeckte. Außerdem habe ich dort erstmals Buñuels »Tagebuch einer Kammerzofe« gesehen, ein weiterer Film, auf den ich lange neugierig war, in diesem Fall, weil meine Mutter öfters von dem Werk sprach, das sie während ihrer Schwangerschaft (mit mir) angeschaut hatte, und an das sie eine intensive Erinnerung bewahrte, vor allem an ein bestimmtes Bild, in dem Schnecken über leblose Beine kriechen … Das Cinema ist eines der wenigen Kinos von damals, die es immer noch gibt. Ich war lange nicht mehr dort.